Vorteile für Geber und Nehmer: So profitieren alle von Entwicklungszusammenarbeit
Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan hat in der vergangenen Woche Reformen angekündigt: Die deutsche Entwicklungspolitik soll strategischer, fokussierter und partnerschaftlicher werden. Diese neue Ausrichtung kommt nicht ohne Grund. Entwicklungszusammenarbeit muss mit immer weniger Budget aus dem Bundeshaushalt auskommen und verliert seit Jahren an Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung. Deshalb haben wir am Kiel Institut für Weltwirtschaft dazu geforscht, wie Entwicklungszusammenarbeit tragfähig bleiben kann. Das Bundesministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit ist bereits auf dem richtigen Weg, aber: Wir gehen noch weiter und sagen: Der Schlüssel für erfolgreiche und legitime Entwicklungszusammenarbeit liegt in dem gemeinsamen Nutzen für Deutschland und sein Partnerland.
Entwicklungszusammenarbeit ohne strukturelle Transformation
Bei unserer Analyse sind wir auf ein Kernproblem gestoßen: Die bisherige deutsche Entwicklungszusammenarbeit war nicht erfolglos, aber sie hat auch keine strukturellen Transformationen ausgelöst. In Bildung und Gesundheit wurde punktuell viel erreicht, doch nachhaltiger Wohlstand blieb die Ausnahme.
Der Grund? Die Anreize von Geberländern und Partnerländern laufen häufig in verschiedene Richtungen. Das Ergebnis sind oft kurzfristige, fragmentierte Projekte statt nachhaltiger Programme, die echte Reformbereitschaft in Partnerländern fördern. Genau hier setzen wir an: Wir haben einen Ansatz entwickelt, der diese Schwächen angeht und Entwicklungszusammenarbeit so gestaltet, dass beide Seiten wirklich gewinnen.
Der generelle Maßstab: Vorteile für beide Seiten
Mit unserem Modell der “Mutual Interest Development Cooperation” schlagen wir eine neue Blaupause für die Entwicklungszusammenarbeit vor. Das Prinzip ist simpel: Jedes Entwicklungsprogramm wird daran gemessen, welchen konkreten Beitrag es für das Partnerland leistet – und welchen messbaren Nutzen Geberländer wie Deutschland daraus ziehen.
Nur Programme, die beide Bedingungen erfüllen, bestehen den sogenannten "Mutual Interest Filter". Dieser Filter ist kein bürokratischer Aufwand, sondern ein Qualitätssiegel: Er garantiert, dass beide Seiten echte Vorteile aus der Zusammenarbeit ziehen.
Für Geberländer können diese Vorteile vielfältig aussehen: mehr Stabilität und Sicherheit, stärkere geopolitische und wirtschaftliche Partnerschaften, neue Absatzmärkte. Partnerländer profitieren unter anderem durch institutionelle Stärke, mehr Resilienz gegen Krisen und wachsendes Einkommen. Hauptziel ist es, für Partnerländer Reformanreize zu schaffen, die sie auf lange Sicht auf eigene Beine stellen.
Langfristige Investitionen für echten Wandel
Wir wollen Entwicklungszusammenarbeit langfristig denken. Um das im Sinne des beiderseitigen Interesses zu ermöglichen, haben wir ein freiwilliges Partnerschaftsmodell erarbeitet. Partnerländer, die konkrete Reformfortschritte nachweisen können, erhalten mehrjährige, verlässliche Unterstützung. Das schafft Planungssicherheit auf beiden Seiten und macht transformative Veränderungen überhaupt erst möglich.
Eine besondere Stellung in unserem Ansatz haben globale öffentliche Güter: Diese werden über alle Partnerschaften hinweg gefördert, weil sie einen außergewöhnlich hohen grenzüberschreitenden Wert haben. Dazu gehören etwa Maßnahmen zur Pandemievorsorge oder zum Klimaschutz. Diese Investitionen sollten fester Bestandteil von Entwicklungszusammenarbeit sein, selbst wenn einzelne Partnerländer gerade keine umfassenden Reformen umsetzen.
Der richtige Moment für einen Kurswechsel
Der Moment für einen solchen Kurswechsel könnte kaum günstiger sein. Die geopolitischen Spannungen sind hoch wie selten, besonders nach dem Auftritt des US-amerikanischen Präsidenten auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Mit dem faktischen Ende der US-Entwicklungsbehörde USAID entsteht weltweit eine Lücke. Die Frage ist nicht, ob diese gefüllt wird, sondern von wem – Deutschland und Europa sollten dafür bereit sein.
Deutschland hat jetzt die historische Chance, Entwicklungspolitik als das zu nutzen, was sie sein kann: ein strategisches Instrument für echte Transformation in Partnerländern und für messbare Vorteile im Inland. Keine Wohltätigkeit, sondern kluge Investition in eine stabilere, wohlhabendere Welt, von der wir alle profitieren.
Den gesamten Bericht können Sie hier lesen:
Die Autoren
Prof. Dr. Tobias Heidland und Prof. Dr. Rainer Thiele, Kiel Institut für Weltwirtschaft