Was muss Entwicklungsarbeit heute können?
In den vergangenen Wochen wurde Entwicklungszusammenarbeit in Deutschland stark diskutiert. Mitte Januar hat Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan eine strukturelle Reform des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung angekündigt. Kurz darauf hat das Kiel Institut für Weltwirtschaft in einem Bericht einen neuen Ansatz für Entwicklungspolitik vorgestellt, der sich auf die Vorteile für alle Partner fokussiert - Geber- und Nehmerländer.
Gleichzeitig ist die internationale Gemeinschaft massiv unter Druck durch Konflikte, humanitäre Krisen, politische Machtansprüche und schrumpfende Budgets. Deutschland und Europa müssen eine Vielzahl von Spannungen manövrieren - von der Grönland-Krise über Migrationsstrategien bis hin zu neuen Freihandelsabkommen.
Vor diesem Hintergrund haben wir Experten gefragt, welche Rolle die Entwicklungszusammenarbeit heute spielt – und welche sie in Zukunft spielen könnte. Wie muss Entwicklungszusammenarbeit heute aussehen? Welche Rolle sollte Deutschland angesichts globaler Krisen spielen? Und: Wie stärken wir Deutschland darin?
Drei Kernpunkte haben sich dabei herauskristallisiert:
1. Entwicklungszusammenarbeit kostet nicht nur, sie rentiert sich auch
“Wir brauchen ein stärkeres Verständnis dafür, dass globale Ungerechtigkeit das größte Hindernis auf dem Weg zu einer friedlicheren und wohlhabenderen Welt ist – zum Nutzen aller. Entwicklungszusammenarbeit leistet hier einen wichtigen Beitrag, indem sie Demokratisierungsprozesse fördert, Menschenrechte verteidigt und wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht. Sie ist also kein Luxus, sondern notwendige Investition. Diese Botschaft muss sichtbarer werden.”
- Åsa Månsson, Geschäftsführerin VENROs
"Entwicklungszusammenarbeit muss als strategische, langfristige Investition betrachtet werden, nicht als Kostenfaktor. "Parlamentarierinnen und Parlamentarier spielen eine Schlüsselrolle, indem sie politische Führungsstärke zeigen, für kohärente Strategien sorgen, vorhersehbare Finanzmittel sichern und Partnerschaften unterstützen, die nachhaltige Systeme aufbauen.”
- Dr. Ricardo Baptista Leite, Gründer & Präsident von UNITE Parliamentarians Network for Global Health
2. Der wertegeleitete Multilaterismus braucht Deutschland, und umgekehrt
“Deutschland ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt und international ein respektierter Akteur mit viel Einfluss. Dieses Gewicht sollte die Bundesregierung für den Erhalt und die Stärkung eines wertegeleiteten, solidarischen Multilateralismus einsetzen. "Wir müssen hier zukünftig mehr und nicht weniger Verantwortung übernehmen.”
- Åsa Månsson, Geschäftsführerin VENROs
“Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“ Dass diese Denkweise nicht nur falsch, sondern auch dumm und sogar gefährlich ist, sollte unmittelbar einleuchten: unsere Welt ist vernetzt: Ich denke an globale Lieferketten, die Abhängigkeit von Rohstoffen aber auch Märkten im Ausland, das Angewiesensein auf Arbeitskräfte mit Migrationshintergrund z.B. in der Pflege, die Prävention einer nächsten Pandemie, die Bewältigung des Klimawandels und das gemeinsame Eintreten für den Frieden. Das sind alles Zusammenhänge, die das Leben einer jeden Bürgerin / eines jeden Bürgers in unserem Land unmittelbar beeinflussen.”
- Maria Flachsbarth, Parlamentarische Staatssekretärin a.D. und Mitglied der Programmkommission des Katholikentags 2026
“Wenn wichtige Akteure sich aus multilateralen Institutionen zurückziehen, werden sich globale Risiken verschärfen. Gesundheitskrisen, Ungleichheit und Instabilität werden sich schneller ausbreiten und ihre Eindämmung wird weitaus kostspieliger werden. In einer vernetzten Welt ist internationale Zusammenarbeit keine Option, sondern unverzichtbar für gemeinsame Sicherheit, Widerstandsfähigkeit und den Schutz von Menschenleben.”
- Dr. Ricardo Baptista Leite, Gründer & Präsident of UNITE Parliamentarians Network for Global Health
3. Entwicklungszusammenarbeit macht uns resilienter
“Entwicklungszusammenarbeit stärkt Gesundheitssysteme, Volkswirtschaften und Institutionen in Partnerländern und mindert damit globale Risiken an ihrer Quelle. Dies kommt Deutschland direkt zugute, indem es die globale Stabilität, Vorsorge und langfristige wirtschaftliche und sicherheitspolitische Widerstandsfähigkeit verbessert.”
- Dr. Ricardo Baptista Leite, Gründer & Präsident von UNITE Parliamentarians Network for Global Health
“Deutsche Politik, die die internationale Zusammenarbeit stärkt, gerade jungen Menschen und Frauen im globalen Süden die Chance gibt, etwas aus ihrem Leben zu machen, macht widerstandsfähiger gegen nationalistische Populismen. Sie ermöglicht auch uns hier in Deutschland, auch weiterhin in Frieden, Freiheit, Wohlstand und Sicherheit leben zu können. Deshalb ist jeder Euro, der für die Entwicklungszusammenarbeit ausgegeben wird, keine Verschwendung von Steuergeldern, sondern eine Investition in die Zukunft.”
- Maria Flachsbarth, Parlamentarische Staatssekretärin a.D. und Mitglied der Programmkommission des Katholikentags 2026
"Viele Menschen trauen der aktuellen Politik nicht viel zu und empfinden sie als undurchdacht und ambitionslos. Gerade die Außenpolitik bietet sich an, dieses angegriffene Zutrauen wieder zu stärken, da auswärtiges Handeln auch immer etwas mit nationalen Selbstbildern zu tun hat. Sie sollte aufzeigen, dass unser Land Ambitionen hat und diese auch strategisch, klug und selbstbewusst verfolgen kann."
- David Melches, Associate Forschung bei More in Common